Kurzexposé zum Promotionsvorhaben

ZWISCHEN MCCARTHYISMUS UND STALINISMUS

Biographieforschung zum Wirken von linken Frauen in Machtverhältnissen

Doktorandin: Johanna Panagiotou, geb. Mamali

Universtität: Ludwig-Maximilians-Universität München

Fach: Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften | Amerikanische Kulturgeschichte

Betreuer: Hauptbetreuer Prof. Dr. Michael Hochgeschwender – Amerikanistik

               Zweitbetreuer Prof. Dr. Sven Hanuschek – Germanistik  

Arbeitsbeginn: Oktober 2019 | Arbeitsende: Juli 2022

Einführung

 

Die Liste der Menschen, die im Kalten Krieg ihr Leben verloren, ist lang. Das Verzeichnis der politisch aktiven und verfolgten Bürger_ innen, deren schweres Schicksal bekannt ist und deren Persönlichkeit weitgehend die Erinnerungskultur prägt, bleibt dennoch kurz; noch kürzer, wenn Frauen in der Rolle der Verfolgerinnen oder der Verfolgten sind. Um dieses disziplinäre Vakuum auszufüllen, fokussiert die vorliegende Promotionsarbeit auf den weiblichen Faktor, welcher dem Vorhaben einen neuen Impuls und ein charakteristisches Merkmal verleiht.    

 

Genauer werden aus soziohistorischer Perspektive die Machtverhältnisse analysiert, die das Leben und Wirken vier politischen Aktivistinnen am Anfang des Kalten Krieges bestimmten: Ethel Rosenberg (USA), Hilde Benjamin (DDR), Ana Pauker (Rumänien), Elli Pappa (Griechenland). Ausgangspunkt sind hierbei ihre Verhältnisse zum Staat und dem herrschenden politischen System sowie zur eigenen Partei und zur Gesellschaft, wobei stets die gegenseitige Wechselwirkung berücksichtigt werden.

 

Forschungsfrage

 

Von diesen Vorüberlegungen ausgehend kann das Ziel dieser Arbeit wie folgt umrissen werden: Lassen sich Dynamiken zwischen Geschlecht und Macht verstehen und interpretieren, indem gemeinsame Merkmale dieser historischen Gruppe innerhalb des festgelegten Zeitrahmens untersucht werden? Wie wurde von Ana Pauker und Hilde Benjamin, seiend in Schlüsselpositionen, Autorität ausgeübt? Wie verhielten sich, im Gegensatz, Ethel Rosenberg und Elli Pappa, während sie der Staatsmacht ausgesetzt und mit dem Tod bedroht waren? Sind geschlechtsspezifische Merkmale bei der Ausübung von Macht unter Gewaltandrohung sowie bei der Befolgung willkürlicher Entscheidungen erkennbar?  

 

Bevor das obige Forschungsanliegen entsprechend bearbeitet wird, steht an erster Stelle, mehr über diese Frauen zu erfahren. Die jüdische Amerikanerin Ethel Rosenberg, geb. Greenglass (1915-1953) wurde gemeinsam mit ihrem Ehemann Julius, der tatsächlich mit der Rüstungsspionage für die Sowjetunion beauftragt war, beschuldigt, 'das Verbrechen des Jahrhunderts' begangen zu haben. Trotz heftiger Proteste, einem Appell von Papst Pius XII und äußerst kontroverser Beweise wurde sie auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet; die Eisenhower-Administration war zu stark von der Zweiten Roten Angst beeinflusst. Ihre zwei Kinder wurden nach der Exekution adoptiert und kämpfen noch heute für ihre post mortem Freisprechung.

 

Bevor Hilde Benjamin, geb. Lange (1902-1989) im Jahr 1953 zur ersten Justizministerin der Welt wurde, führte sie mit unerbittlicher Härte eine Reihe von politischen Schauprozessen durch, was dennoch ihre Bezeichnung als "Rote Freisler" keinesfalls rechtfertigt. Benjamin "veranlasste eine fortschrittliche Frauen− und Familiengesetzgebung"[1], die nicht nur als ihr Beitrag zum Wirtschaftsaufbau mit der Involvierung der Frauen zu verstehen ist, sondern auch mit ihrem Leben als überzeugter Familienmensch sehr wohl im Einklang steht. Die aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Bernburgerin war mit dem im Konzentrationslager Mauthausen ermordeten jüdisch-kommunistischen Arzt Georg Benjamin verheiratet und kümmerte sich stets und liebevoll um den gemeinsamen Sohn Michael. Die Juristin wurde 1967 aus ihrem Amt abberufen, weil "ihre lesbischen Beziehungen zu einem Kreis von Frauen im Umfeld des Zentralkomitees [laut Stasi-Akten] dem amerikanischen Geheimdienst [CIA] bekannt [wurden]"[2]. Neben der Ministerin für Volksbildung (1963-1989) Margot Honecker war sie unbestritten die stärkste Frau der DDR.

 

Dasselbe behauptete das Magazin TIMES über Ana Pauker, geb. Hannah Rabinsohn (1893-1960) und widmete ihr die Titelseite vom 20.09.1948 mit der Überschrift 'Die stärkste lebende Frau auf der Welt' [The Most Powerful Woman in the World alive]. Die Tochter einer armen, religiös-orthodoxen jüdischen Familie, trat im Dezember 1947 weltweit als erste Frau in das Außenministerium ein. Die 'eisige Frau' und vorbehaltlose Stalinistin war auch die inoffizielle Führerin der Kommunistischen Partei Rumäniens nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch verfolgte sie nicht, wie in anderen sowjetischen Satellitenstaaten Stalins 'antizionistische' Kampagne und ermöglichte die Auswanderung von 100.000 Juden nach Israel. Mit ihrem Sturz wurde sie als internationale Zionistin der "Spionage" für Israel und die Vereinigten Staaten beschuldigt. Pauker war eine kinderreiche Mutter (fünf Kinder).

 

Die letzte Frau der Anthologie kommt aus einem Land, das verglichen zu anderen keinen richtigen Grund hat, den Sieg-in-Europa-Tag [Victory in Europe Day] am 8. Mai zu feiern, da es als einziges europäisches Land direkt nach der Befreiung einen Bürgerkrieg (1946−49) erlebte: Griechenland. Dieser wurde von den Briten angestiftet und von der UdSSR und den USA (siehe Truman-Doktrin) unterstützt. Auch nach diesem blutigen Konflikt, verbleibt Hellas als Hochburg der Auseinandersetzung zwischen den beiden Großmächten. In diesem politischen Rahmen wurden am 30. März 1952 der Mitangeklagter und Partner von Elli Ioannidou, geb. Pappa (1920-2009) Nikos Beloyannis und weitere Kameraden trotz internationaler Proteste wegen 'Anti-Patriotismus' exekutiert. Elli Pappa, obwohl aus der Bourgeoisie stammend, sympathisierte schon als Schülerin mit den kommunistischen Ideen, bewies sich als tapfere Widerstandskämpferin während der NS-Besatzung und war eine intellektuelle Autorin [u.a. 'Die antiken griechischen Philosophen im Kapital von Karl Marx')]. Ihr drohte ebenfalls die Todesstrafe, die jedoch wegen Mutterschaft nicht verhängt wurde. Elli Pappa lehnte die Entscheidung des Militärgerichtes ab. Diese hochgebildete Frau verbrachte den Rest ihres Lebens stigmatisiert und verfolgt (siehe griechische Junta 1967–1974). Ihr Sohn, nach seinem Vater (Ikone der internationalen Linke) Nikos Beloyiannis genannt, wuchs bis zu seinem dritten Lebensjahr mit seiner Mutter im Gefängnis auf und lebt heute in Athen.

 

Methodologie, Quellen und Herausforderungen

 

Alle hier erwähnten Nachkommen der porträtierten Frauen und Mütter (Mutterschaft wird in dieser Arbeit besonders berücksichtigt) werden im Rahmen eines methodisch nach Rosenthal[3] vorgehenden qualitativen narrativen Interviews gemeinsam mit anderen Zeitzeug_ innen und Bezug nehmend auf die feministische Vorgehensweise, bzw. die von Gluck und Patai vorgeschlagen und von Harding vertieft Methodologie[4] befragt.

Da es sich aber um ein facettenreiches Projekt handelt, beschränkt sich die angewandte Methodologie nicht nur auf die oben erwähnte Verfahrensweise, sondern beinhaltet weitere, breitgefächerten methodischen Ansätze. Genauer, und um diese soziohistorische Biographieforschung mit Schwerpunkt die Entstehungsphase des Kalten Krieges und den Parameter "Macht und Gender" adäquat durchzuführen, soll im Einzelnen wie folgt vorgegangen werden:

 

Zunächst muss betont werden, dass der erweiterte Begriff 'Biographieforschung' wegen ihrem Bekanntheitsgrad verwendet wird und Wissenschaftler_ innen aus verschiedenen Disziplinen damit bereits vertraut sind. Nicht zu vergessen, dass sie sogar eine eigenständige Sektion innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie bildet. Hier haben wir es aber mit einem speziellen Gebiet der Lebenslaufforschung zu tun, nämlich mit der stärker kulturgeschichtlich getönten Prosopographie, die hier auch als Methode verstanden werden kann. Dieser postantike Terminus beinhaltet all diese wissenschaftlichen Versuche, eine Lücke zu füllen, die die Sozialgenealogie hinterließ. Denn anders als mit letzterer, historischer Hilfswissenschaft, versucht die Prosopographie nicht die Familie, sondern das Individuum in seinem historischen Rollenspiel in den Vordergrund zu stellen. Prosopographie ist per se nicht nur ein materialerfasstes Sammelwerk, worin Personen in einem bestimmten historischen Rahmen erfasst und beschrieben werden. Es geht hier um deren Beziehungen zueinander, um Gemeinsamkeiten, ihre Einbindung in Gruppen, Herkunft, Bildung, soziale Strukturen und vieles mehr. [5] 

 

Abgesehen von den persönlichen Gesprächen, die mit den noch lebenden Personen aus dem Umfeld der historischen Persönlichkeiten, gehört noch Folgendes zu den primären Quellen: Archive der jeweiligen Staaten (insbesondere National Security Archives), Archive in Gefängnissen und Museen, Zeitungen, Zeitschriften, Briefe, Gerichtsdokumente und CIA-Dokumente. Die Literatur besteht aus englischen, deutschen, griechischen und rumänischen akademischen Werken.   

 

Eine offensichtliche Schwierigkeit ist der eingeschränkte Zugang zu den Archiven der Securitate (Departamentul Securității Statului), der Geheimpolizei der Sozialistischen Republik Rumänien. Nach einer geplanten Recherche in Bukarest werde ich einen besseren Überblick haben. Der Geschichtsprofessor und Politiker Adrian Mihai Cioroianu, den ich dort treffen werde, könnte mir helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Athener-Archive und alles rund um den Elli Pappa Schauprozess hat sich der Experte in diesem Forschungsfeld, Professor Spyros Sakellaropoulos, bereiterklärt, mir zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Problem wird wahrscheinlich der Mangel an Russischkenntnissen sein. Die Sprachbarrieren werden aber mithilfe von Muttersprachlern und Übersetzern überwunden. Bezüglich der DDR-Archive gibt es einen uneingeschränkten Zugang zu den Stasi-Akten. Andererseits ist der Zugang zu Westdokumenten [Bundesamt für Verfassungsschutz] nicht gewährleistet. Hier sei darauf hingewiesen, dass im Kapitel 'Hilde Benjamin', die Mechanismen und Prozesse im Deutschland der Nachkriegszeit mit der von Jörg Roesler vorgeschlagenen, alternativen Darstellungsmethode [Die Geschichte beider deutschen Staaten als Bestandteil einer deutschen Nachkriegsgeschichte] und nach Peter Bender und dem Prinzip der Gleichheit aller Deutschen vor der Geschichte analysiert werden. [6]

 

Zu den deutschen Historiker_ innen, die ebenfalls meine Arbeit bereichern werden, erlaube ich mir exemplarisch folgende zu erwähnen: Axel Friedrich Schildt, Zwischen Abendland und Amerika: Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre; Thomas Etzemüller, Biographien: Lesen−erforschen−erzählen (Historische Einführungen) und 1968, ein Riss in der Geschichte? (Im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der modernen, westlichen Konsumgesellschaften der Nachkriegszeit); Jörg Baberowski. Die Professoren Ulrich Herbert und dessen deutsche Historiographie sowie Christof Mauchs Arbeit über die Office of Strategic Services [Amt für strategische Dienste] als Vorgänger von CIA, sind außerordentlich wichtig für den Fall Elli Pappa und Hilde Benjamin. Auch die bedeutende Analyse des Historikers Jürgen Martschukat über die 1950er Jahre, so wie sie in seinem Werk 'Die Ordnung des Sozialen' zu lesen ist, darf von dieser Doktorarbeit nicht fehlen. Die Übergangsphase vom Zweiten Weltkrieges zur Geburt des Kalten Krieges, so wie sie vom Historiker Konrad Jarausch in 'Aus der Asche' und Keith Lowe in 'Der wilde Kontinent: Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950' [aus dem Englischen] beschrieben werden, sowie die Schilderung der Weltpolitik im Zeichen des Kalten Krieges im Band 'Die globalisierte Welt seit 1945' von Akira Iriye und Jürgen Osterhammel setzen ebenfalls methodische Impulse.  

 

Aus der umfangreichen amerikanischen Literatur, werden hier nur ausgewählte Arbeiten, die einen hohen Relevanzgrad aufweisen, aufgelistet: Roger, H., Hoyle, C., Excluding the Vulnerable from Capital Punishment; Schneir W., M., Invitation to Inquest [Atom Spy]; Powers, Richard Gid, Not Without Honor: The History of American Anticommunism; Patterson, James T., Grand Expectations: The United States, 1945-1974; Trani, Eugene P, Davis, Donald E., Woodrow Wilson And The Origins Of The Cold War: A Hundred Years Later And Still Relevant; Conquest, Robert, Reflections on a Ravaged Century; Chafe, William H., The Unfinished Journey: America Since World War II und Diggins, John Patrick, The Proud Decades: America in War and Peace, 1941-1960. Um die andere Seite gelichermaßen zu beleuchten, bietet sich u.a. das Buch 'Crime and Punishment in Russia: A Comparative History from Peter the Great to Vladimir Putin' von Jonathan Daly als eine ausgezeichnete Ergänzung an.

 

Eine andere Untersuchungsperspektive, die Erkenntnisse mit sich bringen mögen, was die aus eigener Feder stammenden Texte dieser Frauen (Bücher, Briefe, Tagebücher) betrifft, ist der von Barbara Caine – in Anlehnung an Toril Moi −  Denkansatz life and text. Demzufolge konnte Moi zwischen Leben und Text nicht unterscheiden. Somit bestätigt die Biographin von Simone de Beauvoirs die Theorie von Freud, dass man zwischen Psyche und Text nicht differenzieren kann[7]. Die Texte sind die Psyche, also das Leben der Protagonistinnen per se und stellen hiermit eine äußerst vertrauenswürdige Quelle. Aus der langen Liste der feministischen Autorinnen, sei hier das nachahmenswerte Buch der Amerikanerin Betty Friedan Feminine Mystique als ein Meilenstein für die Genderforschung zu erwähnen. Da der Fokus meiner These jedoch ausschließlich auf den Machtfaktor liegt, wird das Thema mit der Einbeziehung der Positionen von Ann Phoenix, Wendy S-Rogers und Wendy Hollway aus der britischen Schule (siehe 'Power Relations: An Introduction to Social Psychology', The Open University) ausgebaut. 

 

Des Weiteren − und auch wenn mir klar ist, dass diese keine zuverlässigen Quellen sind, aber dennoch ein wichtiges Material, um den Zeitgeist besser zu verstehen − werde ich diesbezügliche Populärliteratur, Fotos und Filme nicht ausschließen. Vor allem sind Filme, die sich mit dem Leben der Frauen meiner Anthologie auseinandersetzen, besonders hilfreich, wenn es um ihre Wirkung und Wahrnehmung in der heutigen Gesellschaft geht. Nicht zuletzt und um den sozialen Aspekt der Doktorarbeit zu rechtfertigen, werde ich mich selbstverständlich auch mit dem klassischen Verständnis von Macht nach Max Weber (Wirtschaft und Gesellschaft:1980), Michel Foucault [(Dispotive der Macht: 1978) und die Interpretation von Foucaults Theorie über 'Power' und 'Gender' McNay (Foucault and Feminism)] und Hannah Arendt (Macht und Gewalt: 1970) auseinandersetzen.

 

Die Relevanz

 

Die Art und Weise, wie ein Land mit den 'schutzbedürftigen' Gruppen in Zeiten politischer Krisen umgegangen ist, stellt ein unabdingbares Wissen dar. In diesem Sinne liegt die Bedeutung dieser vergleichenden Studie in der Analyse von vier unterschiedlichen weiblichen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. Zwei Frauen üben absolute Macht aus, während zwei andere mit dem Inbegriff der absoluten Herrschaft konfrontiert sind. Die Ergebnisse dieser Studie können uns bei der Interpretation des Kalten Krieges in seiner Entstehungsphase helfen und insbesondere zu einem besseren Verständnis der historischen Ereignisse von vier Nationen, die das Leben dieser Frauen geprägt haben und durch deren Wirken sie reziprok geprägt wurden.   

 

Zweitens wird der fast unzureichend untersuchte Parameter 'Geschlechtsidentität' einbezogen; und zwar ohne das Ziel zu verfolgen, Frauen in die Opferrolle zu drängen, indem man nur ihre Ohnmacht betont. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist Elli Pappa, die tatsächlich die Gleichstellung der Geschlechter forderte und dabei die Entscheidung des Gerichts − wegen Mutterschaft von der Todesstrafe befreit zu werden − nicht akzeptierte.

 

Drittens werde ich es wagen, einigen Mythen um die 1950er Jahre zu widersprechen, auf denen der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt. Genauer gesagt: Einerseits beabsichtige ich eine Zusammenfassung der kritischen Analyse vieler Historiker_ innen zu präsentieren, die die Antipode der Großartigkeit und die Unbekümmertheit dieses Jahrzehntes, so wie sie in medialen und populären Diskursen fälschlicherweise immer wieder reproduziert werden, darstellt. Letzteres steht im Einklang mit dem überbetonten westlichen Wohlstand dank des Wirtschaftswunders und der "wachsenden Nachfrage nach Produkten der Stahlindustrie"[8]. Ich möchte, jedoch, einen Blick hinter den Rauch von Ludwig Erhards (westdeutscher Finanzminister) Zigarre − "als symbolhaftes Zeichen für die freudige Kunde, dass die Schlotte ​​wieder rauchten"[9], werfen − und beispielsweise den Parameter Koreakrieg (1950-1953) hervorheben, der unter anderem zur obigen Nachfrage geführt hat. Der Koreakonflikt spielt nämlich eine entscheidende Rolle in meiner Doktorarbeit, da er die politische Unterdrückung verschärfte und für die Todesstrafe von Rosenberg und Pappa im Rahmen des Antikommunismus und der ergriffenen drakonischen Maßnahmen ausschlaggebend war. Andererseits werde ich zeigen, dass McCarthyismus keineswegs nur Künstler_ innen der Unterhaltungsindustrie beeinträchtigte. Was den Stalinismus betrifft, handelt es sich hier um den Versuch, einen weniger bekannten Aspekt hervorzuheben: Stalinismus-Enthusiastinnen, wie Benjamin und Pauker, die als Frauen unbeschränkte Macht ausübten. 

 

Nicht zuletzt und da alle Frauen in meiner Analyse Kommunistinnen sind, werde ich mich dem nihilistischen Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus widersetzen. Ohne die inakzeptablen Verbrechen, die im Namen des 'Kommunismus' begangen wurden, zu verharmlosen, ist es mein Ziel, mit neutraler Kritik vier Idealistinnen zu porträtieren, die Anhängerinnen einer Ideologie waren, die damals als humanistischer Gegenvorschlag zu faschistischen Ideologien und zur Verelendung − den der unkontrollierte Kapitalismus verursachte − schien.

 

[1] Brentzel, Marianne (1997): Die Machtfrau: Hilde Benjamin ∙ 1902-1989. Berlin: Ch. Links, S. 8.

 

[2] Borgmann R.; Staadt, J. (1998). Deckname Markus: zwei Top-Agentinnen im Herzen der Macht; [Spionage im ZK], Berlin: Transit, S. 117.

[3] vgl.  Rosenthal, Gabriele (2018). Interpretative Social Research: An introduction. Göttingen: Göttingen University Press, 133-147. vgl. auch: Jost, G., Haas, M. (2019). Handbuch zur soziologischen Biographieforschung. Opladen, Torondo: Barbara Budrich.

 

[4] vgl. Gluck, S.B.; Patai, D. (1991). Women's words: the feminist practice of oral history. New York, London: Routledge and Harding, Sandra (1987). Feminism and Methodology. Bloomington, Ind.: Indiana University Press, 1-14.

 

[5] vgl. Henning, Eckart (2015). AUXILIA HISTORICA. Beiträge zu den Historischen Hilfswissenschaften und ihre Wechselbeziehungen, Köln, Weimar, Wien: Böhlau, S. 279-281.

[6] vgl. Burrichter, C; Nakath, D., Gerd-Rüdiger, S. (2006). Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000: Gesellschaft, Staat, Politik – ein Handbuch, S. 19-160.

[7] vgl. Caine, Barbara (2019): Biography and History, London: Red Blobe Press, S. 96.

[8] Darchinger, Josef Heinrich (2018): Wirtschaftswunder: Deutschland nach dem Krieg. Köln: Taschen, S. 105. Vgl. auch Lindlar, Ludger (1997): Das missverstandene Wirtschaftswunder: Westdeutschland und die westeuropäische Nachkriegsprosperität. Tübingen: Mohr Siebeck. 

 

[9] Darchinger, Josef Heinrich (2018), ebenda.