Exposé zum Promotionsvorhaben

FRAUEN ZWISCHEN MACHT UND OHNMACHT

Einblicke in die Entstehung des Kalten Krieges

Doktorandin: Johanna Victoria Panagiotou

Universtität: Ludwig-Maximilians-Universität München

Fach: Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften | Amerikanische Kulturgeschichte

Betreuer: Hauptbetreuer Prof. Dr. Michael Hochgeschwender – Amerikanistik (Historiker) 

              Zweitbetreuer Prof. Dr. Sven Hanuschek – Germanistik (Biograph) 

Arbeitsbeginn: Oktober 2019 | Arbeitsende: Juli 2022

Forschungsfelder:

  •  Soziohistorische Frauenbiographieforschung

  • Machttheorien

  • Transatlantische und transnationale Politik nach dem 2. Weltkrieg

  • Die Entstehung des Kalten Krieges

Inhalt

Einleitung

I. Forschungsfrage

     Kurzbiographien 

II. Die Gruppenbiographie: Auswahlverfahren und –kriterien

III. Rosenberg ∙ Pappa ∙ Benjamin ∙ Pauker: Die Begründung ihrer Biographiewürdigkeit

     Frauen als Gattinnen von bekannten linken Männern

     Mütter und Familienfrauen 

     Judentum

     Zwischen Bourgeoise und Arbeitermilieu  

     Frauen, die internationales Aufsehen erregten und 'furchterregende' Frauen

IV. Warum Gruppenbiographien statt Einzelbiographien?

V. Die Vorgehensweise und Methoden

     Das US-Intersektionalitätsparadigma als Analyseinstrument

     Intersektionalität als Methode in der Biographieforschung

     Eigene Texte: Eine vertrauenswürdige Quelle?

     Machtheorien

     Die feministische Perspektive

     Historische Grundlage und weitere Quellen

VI. Die Relevanz

VII. Zeitplan  

Einführung

 

Die Liste der Menschen, die im Kalten Krieg ihr Leben verloren, ist lang. Das Verzeichnis der politisch aktiven und verfolgten Bürger_ innen, deren schweres Schicksal bekannt ist und deren Persönlichkeit weitgehend die Erinnerungskultur prägt, bleibt dennoch kurz; noch kürzer, wenn Frauen in der Rolle der Verfolgerinnen oder der Verfolgten sind. Um dieses disziplinäre Vakuum auszufüllen, fokussiert die vorliegende Promotionsarbeit auf geschlechtsspezifische Besonderheiten, welche dem Vorhaben einen neuen Impuls und ein charakteristisches Merkmal verleiht. Genauer werden aus soziohistorischer Perspektive die Machtverhältnisse analysiert, die das Leben und Wirken von vier politischen Akteurinnen am Anfang des Kalten Krieges bestimmten: Ethel Rosenberg (USA), Hilde Benjamin (DDR), Ana Pauker (Rumänien), Elli Pappa (Griechenland). Ausgangspunkt sind hierbei ihre Verhältnisse zum Staat und dem herrschenden politischen System sowie zur eigenen Partei und zur Gesellschaft, wobei stets die gegenseitige Wechselwirkung berücksichtigt wird.

I. Forschungsfrage

 

Von diesen Vorüberlegungen ausgehend kann das Ziel dieser Arbeit wie folgt umrissen werden:

Lassen sich Dynamiken zwischen Geschlecht und Macht verstehen und interpretieren, indem gemeinsame Merkmale dieser historischen Gruppe innerhalb des festgelegten Zeitrahmens untersucht werden? Wie wurde von Ana Pauker und Hilde Benjamin Autorität in Schlüsselpositionen ausgeübt? Wie verhielten sich, im Gegensatz, Ethel Rosenberg und Elli Pappa, während sie der Staatsmacht ausgesetzt und mit dem Tod bedroht waren? Sind geschlechtsspezifische Merkmale bei der Ausübung von Macht unter Gewaltandrohung sowie bei der Befolgung willkürlicher Entscheidungen erkennbar?    

 

Kurzbiographien

Bevor das obige Forschungsanliegen entsprechend bearbeitet wird, steht an erster Stelle, zunächst die Biographie dieser Frauen zu erforschen. Die jüdische Amerikanerin Ethel Rosenberg, geb. Greenglass (1915-1953) wurde gemeinsam mit ihrem Ehemann Julius, der tatsächlich mit der Rüstungsspionage von der Sowjetunion beauftragt war, beschuldigt, "das Verbrechen des Jahrhunderts" begangen zu haben. Trotz heftiger Proteste, einem Appell von Papst Pius XII und äußerst kontroverser Beweise wurde sie auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet; die Eisenhower-Administration war zu stark von der Zweiten Roten Angst beeinflusst. Ihre zwei Kinder wurden nach der Exekution adoptiert und kämpfen noch heute für ihre post mortem Freisprechung.

Bevor Hilde Benjamin, geb. Lange (1902-1989) im Jahr 1953 zur ersten Justizministerin der Welt wurde, führte sie mit unerbittlicher Härte eine Reihe von politischen Schauprozessen durch, was dennoch ihre Bezeichnung als "Rote Freisler" keinesfalls rechtfertigt. Benjamin "veranlasste eine fortschrittliche Frauen− und Familiengesetzgebung"[1], die nicht nur als ihr Beitrag zum Wirtschaftsaufbau mit der Involvierung der Frauen zu verstehen ist, sondern auch mit ihrem Leben als überzeugter Familienmensch sehr wohl im Einklang steht. Die aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Bernburgerin war mit dem im Konzentrationslager Mauthausen ermordeten jüdisch-kommunistischen Arzt Georg Benjamin verheiratet und kümmerte sich stets und liebevoll um den gemeinsamen Sohn Michael. Die Juristin wurde 1967 kurz aus ihrem Amt abberufen, weil „ihre lesbischen Beziehungen zu einem Kreis von Frauen im Umfeld des Zentralkomitees [laut Stasi-Akten] dem amerikanischen Geheimdienst [CIA] bekannt [wurden]“[2]. Sie starb sechs Monate vor dem Mauerfall und wurde mit großen Ehren beigesetzt. Neben der Ministerin für Volksbildung (1963-1989) Margot Honecker war sie unbestritten die stärkste Frau der DDR.

Dasselbe behauptete das Magazin TIMES über Ana Pauker, geb. Hannah Rabinsohn (1893-1960) und widmete ihr die Titelseite vom 20.09.1948 mit der Überschrift "Die stärkste lebende Frau auf der Welt" [The Most Powerful Woman in the World alive]. Die Tochter einer armen, religiös-orthodoxen jüdischen Familie, trat im Dezember 1947 weltweit als erste Frau in das Außenministerium ein. Die "eisige Frau" und vorbehaltlose Stalinistin war auch die inoffizielle Führerin der Kommunistischen Partei Rumäniens nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch verfolgte sie nicht, wie in anderen sowjetischen Satellitenstaaten Stalins 'antizionistische' Kampagne und ermöglichte die Auswanderung von 100.000 Juden nach Israel. Mit ihrem Sturz wurde sie als internationale Zionistin der 'Spionage' für Israel und die Vereinigten Staaten beschuldigt. Pauker war eine kinderreiche Mutter (fünf Kinder).

Die letzte Frau der Anthologie kommt aus einem Land, das verglichen zu anderen keinen richtigen Grund hat, den Sieg-in-Europa-Tag [Victory in Europe Day] am 8. Mai zu feiern, da es als einziges europäisches Land direkt nach der Befreiung einen Bürgerkrieg (1946−49) erlebte: Griechenland. Dieser wurde von den Nazis vorbereitet [siehe die Mitorganisation der antikommunistischen Sicherheitsbataillone, die von 1943 bis 1949 operierte], von den Briten angestiftet und von der UdSSR und den USA (siehe Truman-Doktrin) unterstützt. Auch für viele Jahre nach diesem blutigen Konflikt, verbleibt Hellas als Hochburg der Auseinandersetzung zwischen den beiden Großmächten. In diesem politischen Rahmen, nach Beendigung dieses Stellvertreterkrieges, wurden am 30. März 1952 der Mitangeklagte und Partner von Elli Ioannidou, geb. Pappa (1920-2009) Nikos Beloyannis und weitere Kameraden trotz internationaler Proteste wegen "Anti-Patriotismus" exekutiert. Elli Pappa, obwohl aus der Bourgeoisie stammend, sympathisierte schon als Schülerin mit den kommunistischen Ideen, bewies sich als tapfere Widerstandskämpferin während der NS-Besatzung und war eine intellektuelle Autorin [u.a. 'Die antiken griechischen Philosophen im Kapital von Karl Marx')]. Ihr drohte ebenfalls die Todesstrafe, die jedoch wegen Mutterschaft nicht verhängt wurde. Elli Pappa lehnte die Entscheidung des Militärgerichtes ab. Diese hochgebildete Frau verbrachte den überwiegenden Teil ihres Lebens stigmatisiert und verfolgt (siehe griechische Junta 1967–1974). Ihr Sohn, nach seinem Vater (Ikone der internationalen Linke) Nikos Beloyiannis genannt, wuchs bis zu seinem dritten Lebensjahr mit seiner Mutter im Gefängnis auf und lebt heute in Athen.  

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[1] Brentzel, Marianne (1997): Die Machtfrau: Hilde Benjamin ∙ 1902-1989. Berlin: Ch. Links, S. 8.

 

[2] Borgmann R.; Staadt, J. (1998). Deckname Markus: zwei Top-Agentinnen im Herzen der Macht; [Spionage im ZK], Berlin: Transit, S. 117.

II. Die Gruppenbiographie: Auswahlverfahren und -kriterien

 

Die angestrebte Dissertation zielt darauf, neue Erkenntnisse im interdisziplinären Forschungsgebiet, der die institutionellen und zwischenmenschlichen Machtstrukturen untersucht, zu gewinnen. Parallel ist der Gewinn von Einblicken in die Entstehung des Kalten Krieges zu erwarten. Dabei zieht sich die Frage nach spezifischen Geschlechterrollen wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit. Um diese zweifache Zielsetzung erreichen und die Thematik adäquat behandeln zu können, sollte man a priori vermeiden, in Schemata zu denken und demzufolge Frauen nur in der Opferrolle einzuschränken. „Wie tief in der westlichen Kultur die Mechanismen verwurzelt sind, die Frauen zum Schweigen verurteilen, die verhindern, dass Frauen ernst genommen werden, und die sie (…) aus den Machtzentren ausschließen. […] [Und wie] die abendländische Kultur seit Jahrtausenden darin geübt ist, Frauen den Mund zu verbieten“[3], erklärt überzeugend die Professorin für Alte Geschichte und Frauenrechtlerin Mary Beard mit mehreren Beispielen in ihrem Buch Frauen und Macht. Eine Stellungnahme, die aktuelle Genderdiskurse offensichtlich dominiert. Darüber hinaus, und um das wissenschaftliche Denken einen Schritt voran zu bringen, liegt es im Interesse der Forschung, ferner, eine völlig andere Perspektive miteinzubeziehen: Und wie verhalten sich Frauen, wenn sie uneingeschränkte Macht besitzen und diese autoritär ausüben?  

Um das Thema von allen Seiten zu beleuchten, das Gleichgewicht zu bewahren und um sichere Ergebnisse zu erhalten, war es von Anfang an von großer Notwendigkeit, eine repräsentative Stichprobe zusammenzustellen. Dazu sollten Frauen gehören, die völlig unterschiedliche Erfahrungen mit Machtverhältnissen in den 1950er Jahren gemacht haben. Daher war eine Dichotomie der Studie ab ovo erforderlich. Diese zwei entstandenen Kategorien, die – wie der Titel „Frauen zwischen Macht und Ohnmacht“ verrät – wurden mit einem US-amerikanischen und einem ostdeutschen Beispiel jeweils bereichert. Auf der einen Seite (Ohnmacht) wird der Fall der Todeskandidatin Ethel Rosenberg (USA), auf der anderen Seite (Macht) der Fall der ersten Justizministerin der Welt Hilde Benjamin (DDR) rekonstruiert. Zur Vervollständigung der jeweiligen Gruppierungen, wurden zwei weitere Beispiele aus dem südosteuropäischen Raum hinzugefügt, da in dieser Region zwei repräsentative[4] Fälle zu finden sind: Elli Pappa (Hellas), deren Schicksal erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit dem der US-Kommunistin aufweist sowie Ana Pauker (Rumänien) als erste Außenministerin der Welt; eine dito, wie Benjamin, überzeugte Stalinistin. Meinen Willen, den transnationalen Aspekt der Doktorarbeit in Südosteuropa herauszugreifen, bestärkte der durch meine rumänischen und griechischen Sprachkenntnisse gewährleistete Zugriff auf Primärquellen.

Damit, neben dem soziologischen, auch der historische Charakter der Arbeit verteidigt wird, sei erwähnt, dass die oben geschilderte Aufteilung der Untersuchung eng mit der behandelten Historiographie zusammenhängt. Genauer, liegt der Schwerpunkt des Promotionsprojektes in der Entstehung des Kalten Krieges. Chronologisch sei dies ins Ende der 1940er Jahre, bis in die Anfänge der 1950er einzuordnen. Da die Ursachen des Konfliktes in zwei Polen angesiedelt sind, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Hauptakteure USA und die Sowjetunion einen hohen Stellenwert hätten. Der Fall Sowjetunion fiel jedoch sofort aus, da es im untersuchten Zeitraum keine prominenten, politisch aktiven, sowjetischen Frauen zu finden sind - sowohl in der Regierung als auch in der Opposition; letztere wurde bereits anfangs der Stalin-Ära, in den 1930er Jahren, gesäubert. Stattdessen wurde, wie schon erwähnt, ein weiterer Satellitenstaat ausgewählt: Rumänien. Ergänzt wurde der Kanon mit einem pro amerikanisch-kapitalistischen NATO-Land: Griechenland. Hellas ist historisch gesehen ein Paradebeispiel aus dem zusätzlichen Grund, dass in diesem Land, wie erwähnt, die Auseinandersetzung zwischen den zwei Supermächten - noch vor dem Koreakrieg - mit einem Bürgerkrieg blutig verlief. Dort wurden sogar 1948 die Napalmbomben zum ersten Mal getestet bzw. eingesetzt - mit verheerenden Folgen.  

Die Auswahl der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und das Porträtieren der Frauen, die in diesem Zeitabschnitt politisch ausschlaggebend gewirkt haben, ist in meiner Studie aus einem weiteren Grund kein Zufall. Ich bin der Ansicht, dass Systeme, Institutionen und Menschen beobachtungswert sind, wenn sie auf eine harte Probe gestellt und während dessen 'enthüllt' werden. Käme es von dieser Hypothese ausgehend und nach Vollendung meiner Recherche zu soliden Ergebnissen, würde hiermit ein Hauptziel erreicht. Passendere Beispiele, um folglich herauszufinden, wie Menschen nach einem schrecklichen Weltkrieg mit Macht und Gewalt umgingen, gäbe es keine anderen als die Epochen des McCarthyismus einerseits und des späteren Stalinismus andererseits, die zugleich den Höhepunkt der Nachkriegszeit-Paranoia bilden. Erstere wird mit der Verurteilung des Senators von Wisconsin am 2. Dezember 1954 beendet, letztere mit dem Tod des Diktators am 5. März 1953. Zugleich sind diese Jahre nicht nur Wendepunkte in der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts, sondern Meilensteine in der Lebensgeschichte meiner Protagonistinnen.

Nicht zuletzt, wurde diese bestimmte Zeitspanne als Fortsetzung einer zuvor durchgeführten akademischen Untersuchung von ähnlichen Phänomenen im Zweiten Weltkrieg ausgewählt. Die damals erworbenen Kenntnisse erwiesen sich als vorteilhaft. Eine Übertragung meiner Ergebnisse in die Gegenwart, um basierend darauf auch aktuelle Phänomene beiläufig zu erklären, gehört nicht zu meinen Bestrebungen; sei aber a priori nicht auszuschließen.

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[3] Beard, Mary. (2018). Frauen und Macht: Ein Manifest. Frankfurt am Main: S. Fischer, S. 16.

[4] Der Aspekt der Repräsentativität sei von Anfang an näher zu beleuchten: Die hier vorgestellten Frauen stellen per se keine Beispiele von gewöhnlichen Frauen dar. Unter 'repräsentativ' ist gemeint, dass das Leben und Wirken dieser Frauen sich für die Forschung eignen. Denn am Anfang des Kalten Krieges gibt es laut meiner Recherche keine anderen Frauen, die im politischen Sinne und im streng definierten geographischen Raum entweder unbegrenzte Macht besaßen oder einer höheren Macht hilflos ausgesetzt waren und mit der Todesstrafe konfrontiert waren. 

III. Rosenberg ∙ Pappa ∙ Benjamin ∙ Pauker: Die Begründung ihrer Biographiewürdigkeit

 

Anders als bei herkömmlichen Gruppenbiographien haben wir es hier mit einer besonderen Art zugewiesener Zugehörigkeit zu einem Kollektiv zu tun. Das Sample besteht nämlich aus Frauen, die sich gegenseitig nie begegnet sind, die in einem bestimmten Ort und genauen Zeitpunkt nie agiert haben, die aus vier völlig unterschiedlichen Ländern kommen. Doch abgesehen davon, dass eine zeitliche und örtliche Koexistenz nicht vorhanden ist, weisen die Hauptakteurinnen viele Ähnlichkeiten auf. Diese Vergleichbarkeiten - und nicht das tatsächliche Handeln in einer real existierenden Gemeinschaft - machen aus einer schlichten Stichprobe eine Gruppe. Die dargestellten Personen des angestrebten biografischen Nachschlagewerkes bilden demnach eine - bestimmt durch Geschlecht, Weltanschauung und gemeinsame Erfahrungen - Gruppe: Alle vier sind Kommunistinnen, die die Zeiten vor und während des zweiten Weltkrieges intensiv und außeralltäglich erlebt haben und in der Nachkriegszeit für ihre Ideologie - je nach Systemzugehörigkeit - entweder mit hohen Posten prächtig belohnt oder zum Tode verurteilt wurden. Darüber hinaus kann man weitere und sehr wichtige Gemeinsamkeiten beobachten, die für die Zielsetzung beachtenswert sind. Genauer:  

 

Frauen als Gattinnen von bekannten linken Männern

                Erstens sind alle vier Frauen, neben Aktivistinnen, Gattinnen von bekannten linken Männern, die als politische Gegner ermordet wurden. Sie standen jedoch nicht im Schatten dieser, sondern entwickelten ihre eigenen Persönlichkeiten, was eigentlich eine Seltenheit[5] ist. In ähnlichen Fällen bleibt meistens kein Raum für die Entfaltung der weiblichen Persönlichkeit übrig.

- Ethel Rosenberg: Ihr Mann, der sowjetische Spion Julius Rosenberg wurde 1951, gemeinsam mit ihr, nach einem Schauprozess mit der Beschuldigung, sensible Informationen und Staatsgeheimnisse an die UdSSR weitergegeben zu haben, zum Tode verurteilt.   

- Elli Pappa: Ihr Partner, die Ikone der griechischen Linke Nikos Beloyannis, wurde 1952 mit anderen drei Kameraden nach zwei Schauprozessen wegen angeblicher Spionage und Anti-Patriotismus exekutiert. Was für eine charismatische und außergewöhnliche Persönlichkeit Beloyannis ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Militärgerichtsverhandlungen[6] als „Beloyannis-Prozesse“ in die Geschichte eingingen, obwohl hier insgesamt 93 Kommunist_ innen verurteilt wurden.

- Ana Pauker: Ihr Lebenspartner und Vater ihrer drei von fünf Kindern Marcel Pauker, unter dessen Einfluss Ana sich dem Kommunismus zuwandte, wurde 1938 im Rahmen der stalinistischen Säuberungen in Moskau hingerichtet. Dass sie trotz diesem Ereignis bis ans Ende ihrer Karriere eine treue Stalinistin blieb, ist für viele Forscher_ innen immer noch ein Rätsel. 

- Hilde Benjamin: Ihr Ehemann, der jüdische Arzt und Kommunist Georg Benjamin (Bruder der Intellektuellen Sonja und Walter Benjamin), der einen politisch-ideologischen Einfluss auf sie übte, verbrachte fast die gesamte Nazizeit in der Strafanstalt Plötzensee, im KZ Sonnenburg, im KZ Columbia und im Zuchthaus Brandenburg-Görden, bis er 1942 im KZ Mauthausen getötet wurde.   

 

Mütter und Familienfrauen    

                Zweitens nahmen alle vier Frauen ihre Rollen als Mütter sehr ernst. Als herausstechendes Beispiel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist durchaus, Ana Pauker, Mutter von sechs Kindern; das erste starb kurz nach der Geburt, letzteres wurde adoptiert. Am Leben ist noch ihre heute 88-jährige Tochter Masha Pauker, die in der Liste meiner Zeitzeug_ innen an herausragender Stelle steht.

Ähnlich wie Pauker verlor Benjamin ihr Erstgeborenes im frühen Alter. Auch deswegen war ihr Sohn Mischa (Michael), in dem sie ebenso die Figur ihres verlorenen und sehr geliebten Mannes sah, der Mittepunkt ihres Lebens. Als alleinerziehende Mutter eines 'Mischlings' machte sie während der Nazidiktatur eine schwere Zeit durch. Da ihr Sohn wegen seiner "nicht-arischen" Herkunft die Schule nicht besuchen durfte, war Hilde zugleich seine persönliche Lehrerin. Als einzige Bezugsperson seines Lebens pflegte sie eine sehr gute Beziehung zu ihm. Der Jura-Professor (†2000) zollte seiner Mutter, von der er eine ausgezeichnete Bildung erhielt, stets die höchste Bewunderung.

Die Mutterseite dieser zwei Frauen, die in der heutigen Wahrnehmung oft als "Bestien in Menschengestalt" porträtiert und perpetuiert werden, ist ein wichtiger Aspekt für die Studie. Diese zielt nicht darauf, das Leben von zwei Frauen, deren Leben von Widersprüchlichkeiten geprägt ist, zu beschönigen. So etwas könnte zu Lasten vieler Opfern der SED-Unrechtsjustiz und des rumänischen Regimes fallen. Vielmehr geht es darum, das ganze große Bild zweier politisch aktiven Müttern – die parallel den Status der Witwe genießen – vor Augen zu haben.

                Auf der anderen Seite ist für die Machtanalyse sehr interessant, wie Rosenberg und Pappa die Mutterschaft als Insassinnen erlebten. In diesem Sinne war das Gefängnis nicht nur ein Vorraum, der zum Tod führte. Genauer wird die Haftanstalt nicht nur als Raum in seiner ursprünglichen Funktion angesehen: als vorübergehender Ort der Isolation, bevor die Todesstrafe in einem Schauprozess angekündigt wird. Basierend auf Foucaults Hétérotopie möchte ich verfolgen, wie Rosenberg den grauen Ort in einen Ort verwandelt, in dem sie ihre im wahrsten Sinne des Wortes letzten und glücklichen Momente mit ihren zwei Söhnen verbringt. Darüber hinaus teilen die verurteilten Frauen eine weitere Ähnlichkeit, während sie ihre Utopie erleben. Isoliert hinter Gittern werden sie auf die Proteste gegen ihre Hinrichtung aufmerksam. Dadurch wird der Aufenthaltsort zu einer Bühne, auf der der letzte Akt eines Dramas stattfindet. Ferner verwandeln sie einen Raum der Schande in einen Ort der Würde, was sehr viel Kraft und Mut voraussetzt. Schließlich bringt Pappa ihren Sohn hinter Gittern zur Welt und entkommt dem Todesurteil. Gefängnis als Entbindungsort? Was bedeutet dies für eine Frau, wie erlebt sie es? Und wie hat sie es geschafft, quasi kurz nach der schwierigen Wochenbettphase als Angeklagte im Schauprozess anzutreten? Wie gelang ihr die Auseinandersetzung mit der Todesankündigung?

               

Judentum

                Mit der Ausnahme von Elli Pappa könnte bei den anderen ausgewählten Frauen die Einbindung in die jeweils spezifische jüdische Kultur von Bedeutung sein. Der Zusammenhang ist zwischen dem Fokus der Arbeit auf der Untersuchung von Machtstrukturen und der Herkunft bzw. religiöser Zugehörigkeit, die oft mit Unterdrückung und Verfolgung assoziiert wird, herzustellen. Der Soziologieprofessor Achim Bühl, u.a. Autor von Rassismus. Anatomie eines Machtverhältnisses (2016) beschreibt schon im ersten Teil der Dilogie Antisemitismus die Verachtung, die die Juden – Jahrhunderte vor dem Holocaust – erlebten. Wenn man alle hier genannten Ereignisse, die von einer eindeutigen Judenfeindschaft über die gesamte Weltgeschichte zeugen, in Betracht zieht, kann man nachvollziehen, wie in diesem Kontext Macht- bzw. Ohnmachtsgefühle und religiöse/ethnische Zugehörigkeit kaum divergieren. Unter den Geschehnissen seien an diesem Punkt nur die assyrische Deportation, das babylonische Exil, die Judenfeindschaft in der Antike, die Inquisition, der Mythos der "jüdischen Brunnenvergifter", die Antichristen-Vorwürfe im Mittelalter, die Reformationszeit zu antijüdischen Schriften in der frühen Neuzeit und der Aufklärung, die Stellungnahmen bekannter Autoren in der Romantik sowie die 'Judenschläger' der Revolution von 1848 zu erwähnen.[7]

                In der Fallrekonstruktion von Ana Pauker und Ethel Rosenberg spielt der obige Hintergrund eine wichtige Rolle. Besonders bei Stalin-Anhängerin Pauker ist das Oxymoron dabei kaum zu übersehen. Hier sei nur auf einen historischen Strich, der die antijüdischen Ausschreitungen in der Sowjetunion unter Stalin darstellt, hingewiesen: Im Jahr 1952 „wurden die sowjetischen Juden in Todesangst versetzt, denn der KGB 'enttarnte' ein angebliches Komplott jüdischer Ärzte. Die Mediziner hätten die Sowjetführung ausschalten wollen, so Stalins Propaganda. Die Folge war eine landesweite antisemitische Hetzkampagne“[8]. Dass sich die einst Medizin-Studentin Ana Pauker beruflich zu diesem Zeitpunkt im Apogäum befand, ist für die Untersuchung, wie diese 'eiserne' Frau mit Macht umging von zentraler Bedeutung. Nichtsdestotrotz gelang es ihr, 1950-1952 die Emigration von insgesamt 100.000 Juden nach Israel zu organisieren. Dies führte zu ihrer Verhaftung am 18.02.1953 mit der Beschuldigung, sie habe Beziehungen zum internationalen Zionismus, dem 'Agenten' des Ernstfeindes USA. Anschließend wurde sie freigelassen[5]. Bei Pauker deuten sich religiös anmutende Elemente in der sozialen und kulturellen Praxis, zumindest was den Stalinismus betrifft, an.

Auch der Fall der jüdischen Kommunistin Ethel Rosenberg ist nicht nur für den soziologischen, der die weibliche Wahrnehmung von Macht untersucht, sondern auch für den rein historischen Teil der Arbeit sehr interessant. Kontrovers ist nicht nur, dass Rosenberg zwei auf den ersten Blick nicht passende Elemente Judentum und Kommunismus verkörpert, sondern gleichzeitig mit ihrer Doppelidentität als Amerikanerin und Kommunistin, was insbesondere im Kalten Krieg keinesfalls miteinander harmonierte, zu kämpfen. Der Klassiker von Theodore Draper The Roots of American Communism, das 1957 unter dem Originaltitel Communism in American Life erschien, sowie die im Jahr 2004 erschienene Publikation des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry der Hebräischen Universität Jerusalem DARK TIMES, DIRE DECISIONS: Jews and Communism sollen die Antworten auf Fragen der Vereinbarkeit des Triptychon Kommunismus-Judaismus-Amerikanismus geben.  

Zwischen Bourgeoise und Arbeitermilieu   

        Anders wie die aus sehr armen Verhältnissen stammende Ana Pauker und die New Yorkerin Ethel Rosenberg, die desgleichen aus bescheidenen Verhältnissen stammte, gehörten Hilde Benjamin und Elli Pappa zur Oberschicht der Gesellschaft. Das ist sowohl für die in der Arbeit eingebettete politische Analyse ein ernstzunehmender Parameter [das Engagement der bürgerlichen Schicht für das Proletariat], als auch für die Fragestellung. Genauer übt die Beziehung, die Benjamin und Pappa einst zu Habe und sozialem Status pflegten - Elemente, die mit Macht und Einfluss in einer gewissen Korrelation stehen - eine gewisse Anziehungskraft auf mich. Durch diese Beispiele kann die Komplexität der menschlichen Beziehung zur Macht besser und tiefer verstanden werden. 

- Hilde Benjamin: Laut ihrer Biographin, Marianne Brentzel, wurde Helene Marie Hildegard Lange 1902 in „Bernburg, zwischen Halle und Magdeburg im heutigen Sachsen-Anhalt gelegen. [Die Stadt] erlebte anfangs des Jahrhunderts einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Durch den Reichtum an Kali- und Steinsalz entstanden die Soda-Werke des Solvay-Unternehmens“[6]. Der Vater, ein Freimaurer-Sympathisant war ein ambitionierter kaufmännischer Angestellter in einer mit dem Solvay-Unternehmen verbundenen Firma. Bald wurde er nach Berlin versetzt, um dort Karriere und eine sichere Existenz für die Familie aufzubauen. „Die Mutter mit den klangvollen Namen Adele Elsbeth Minette Julie war eine geborene Böhmin und stammte aus der Oberschicht des Städtchens. […] Die Familien waren aus Tradition evangelisch. Keine Kirchgänger. Die Mutter praktizierte ein tatkräftiges Christentum, gab regelmäßig Bettlern ein warmes Essen und abgelegte Kleidung“.[9] Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass Hilde die Ambition vom Vater und den Einsatz für marginalisierte Gruppen von der Mutter erbte. Der Wendepunkt in ihrem Leben war zweifellos die im Januar 1919 Ermordung von Karl Liebknecht; ein Ereignis, das ausschlaggebend für die 'Verwandlung' der Bürgertochter zur kommunistischen Anwältin für die Schwachen. Auch später, während ihrer Karriere als Richterin, setzte sie sich unablässig für die Ermächtigung der angehenden Jurist_ innen aus der Arbeiterklasse ein. Aus ihrer Feder stammen folgende Worte dazu: „Von entscheidender Bedeutung wurde die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, und meine Mutter und ich brachten in unserem Haus und ich in meiner reaktionären Schule unsere Empörung und Abscheu offen zum Ausdruck. Es kamen die Kämpfe und Streiks in Berlin, und ich begann, mich immer aktiver für die politische Entwicklung zu interessieren und Partei zu ergreifen. 1921 begann ich mit dem Studium der Rechtswissenschaften. Für meine Berufswahl war entscheidend, daß ich glaubte, als Rechtsanwalt allen, denen Unrecht geschah, helfen zu können, und das Vorbild Karl Liebknecht, dessen Tochter die gleiche Schule besuchte“[8]. Dass trotz dieser Inspiration die luxemburgische These „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ unbeachtet blieb, als sie zwei Todesurteile - der Inbegriff der Machtausübung - als Richterin fällte und stets eine ambivalente Beziehung zur Todesstrafe sowie zum Umgang mit Andersdenkenden[10] hatte, hat meine Neugierde als Forscherin geweckt.

- Elli Pappa: Geboren 1920 in eine sehr wohlhabende Familie und aufgewachsen in der einst florierenden griechischen Gemeinde in Smyrna (İzmir). Die Hafenstadt und die gesamte Westküste Kleinasiens (siehe Vertrag von Lausanne) wurden 2 Jahre später der Türkei zugesprochen. Das griechische Element, das seit der Antike dort wohnhaft war, wurde vertrieben; die meisten sind nach Griechenland geflohen. So auch die Familie Pappa, die sich in einem Elendsviertel für Flüchtlinge in Piräus niederlies. Dort kam Elli, laut Autobiographie, mit den 'Schurken' aus der Nachbarschaft in Berührung, las mit 14-Jahren intensiv Karl Marx und sympathisierte mit der kommunistischen Ideologie, der sie bis ans Ende treue blieb - ohne sich aber je der Partei unterzuordnen.

 

Frauen, die internationales Aufsehen erregten und 'furchterregende' Frauen

               

            „Die Benjamin war für uns damals eine Ehrfurchtperson, wobei das Gewicht vielleicht eher auf Furcht lag“. Die Worte des ehemaligen Oberrichters am Obersten Gericht der DDR, Rudi Beckert, sind ein Beweis für das Vermächtnis weiblicher Autorität, die Benjamin hinterließ. Ähnliche Reaktion löst allein die Erwähnung des Namens Ana Pauker im heutigen post-kommunistischen Land am Rande der Karpaten.

Als Antipode dazu gilt das Beispiel von Rosenberg und Pappa, die um ihr Leben fürchten mussten. Was aber wichtig ist, ist, dass ihr Fall ein nicht zu unterschätzendes internationales Aufsehen erregte. Die heftigen Zivilproteste und der Appell von Papst Pius XII, dass es nicht zu einer Hinrichtung der Rosenbergs kommt, sowie der Protest von 159 britischen Abgeordneten, von Charles de Gaulle, Paul Éluard, Jean Cocteau, Jean-Paul Sartre, Nâzım Hikmet, Pablo Picasso und Charlie Chaplin, um die Exekution von Beloyannis, Pappa und der anderen Genossen zu verhindern, macht die Recherche anziehender. Das Spannende daran, ist, dass man bei der Nachzeichnung des Lebensweges aller vier Frauen entscheidende Stationen der globalen Geschichte erlebt.

Zur Geschichte: Trotz internationaler Proteste wurde in beiden Fällen (Rosenberg-Pappa) ein Exempel statuiert, damit es in Zukunft niemand wagen würde, ähnlich zu handeln. Der Unterschied ist, dass Pappa als Mutter eines kleinen Sohnes am Ende doch nicht hingerichtet wurde, einen Großteil ihres Lebens allerdings hinter Gitter verbrachte.

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[5] Diese Seltenheit ist eher im strengen politischen 'Raum' zu beobachten. Sicherlich schaut es in anderen Gebieten wie etwa im intellektuellen oder künstlerischen Bereich (siehe Paare wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre oder Frieda Kahlo und Diego Rivera, die gleicherweise und unabhängig voneinander Karriere machten und Ruhm genossen) anders aus.

[6] Es handelt sich um eine „Kommunistenjagd“, die in Anlehnung an den McCarran Internal Security Act of 1950 stattfand.

[7] Vgl. Bühl, Achim (2019). Antisemitismus: Geschichte und Strukturen von 1848 bis heute. Wiesbaden: Marix Verlag.

[8] Rosbach, Jens. Antisemitismus in der UdSSR. Was plante Stalin mit den sowjetischen Juden? In: Deutschlandfunk Kultur: Jüdische Welt, 29.12.2017. Aufrufbar unter: www.deutschlandfunkkultur.de/antisemitismus-in-der-udssr-was-plante-stalin-mit-den.1079.de.html?dram:article_id=407175. Zuletzt besucht am 10.05.2020.

[9] Diese Entwicklung "Aufstieg und Fall" ist auch bei der anderen Power Woman, Hilde Benjamin, zu beobachten, als sie beschuldigt wurde, lesbische Beziehungen mit mehreren Frauen gleichzeitig zu unterhalten, die angelblich bei der CIA bekannt waren. Sie wurde temporär beseitigt, zu einer endgültigen Entfernung aus Partei und Posten kam es jedoch nie. 

[10] Brentzel, Marianne (1997). Die Machtfrau: Hilde Benjamin ∙ 1902-1989. Berlin: Ch. Links, S. 13.

[11] Ebenda, S. 14-15.

[12] Benjamin, Hilde (1987). Ein Vorbild der Einheit von Theorie und Praxis: Zum 85. Geburtstag von Prof. Dr. sc. Dr. h.c. Hilde Benjamin. Erschienen als Aktuelle Beiträge der Staats- und Rechtswissenschaft; 345. Potsdam-Babelsberg: Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR, S.9.

[13] Die Gegenargumentation des Juristen Volkmar Schöneburg, der Hilde Benjamin persönlich kannte, hierzu lautet: „Jedenfalls sind die Verschärfungen, vor allem des politischen Strafrechts, aber auch der Rückfallbestimmungen und die der sog. Asozialität, die eine extensive Verfolgung Andersdenkender ermöglichten, erst auf Novellierungen [jur. Abänderung, Korrektur] in den siebziger Jahren zurückzuführen, können also Hilde Benjamin nicht mehr angelastet werden“. Schöneburg, Volkmar (1997). Hilde Benjamin - eine Biographie, in: UTOPIE kreativ, H. 85/86 (November/Dezember), S. 121.

IV. Warum Gruppenbiographien statt Einzelbiographien?

              Die Herausforderung beim Verfassen dieser Dissertation liegt nicht nur darin, dass man sich nicht auf eine Einzelbiographie beschränkt und stattdessen eine Gruppenbiographie mit einem komplexen Konstrukt behandelt, sondern auch darin, dass man sowohl historisch als auch soziologisch arbeitet. Dadurch erhöht sich die Komplexität bei der Auswahl einer passenden, interdisziplinären Methode. Darüber hinaus sollte auch die feministische Vorgehensweise nicht vernachlässigt werden. Da es sich also um ein facettenreiches Projekt handelt, beinhaltet die angewandte Methodologie breitgefächerte methodische Ansätze. Wie genau vorgegangen wird, um diese soziohistorische Gruppen-Biographieforschung mit Schwerpunkt die Entstehungsphase des Kalten Krieges und den Parameter Macht und Gender entsprechend durchzuführen, ist Gegenstand dieses Kapitels. Hier wird die diesbezügliche von mir und den Gutachtern ausgewertete und in meine Arbeit eingebundene Literatur dargelegt.

            An allererster Stelle habe ich durch die Lektüre von Biography and History der feministischen Historikerin aus Australien, Barbara Caine, viele neue Impulse bekommen. Das vor kurzem in zweiter Auflage erschienene Werk scheint mir ein ausgezeichneter Ausgangspunkt zu sein, um folgende, wesentliche Fragen zu beantworten:

Welche ist die Verlinkung zwischen Biographie und Geschichte? Können Biographien als vertrauensvolle historische Quellen wahrgenommen werden?

»This new emphasis on connecting people and on locating those who share either a background or a set of beliefs, or are directly linked  through membership of apolitical, social or cultural organisation, is clearly intended to increase the usefulness of these biographical dictionaries as a historical resource«.[14]

Warum Gruppenbiographien statt Einzelbiographien?

»Group biography has been particularly attractive to those concerned to link life stories with wider historical processes and to use them to illustrate particular historical developments and patterns. But it has been of interest also to many seeking new approaches to intellectual biography, as it offers a way of showing not only social and personal connections but also political developments and which have directed the attention of people in particular ways as well as how important personal interaction has been in the development of particular ideas«.[15]

Diesem Standpunkt schließt sich auch der deutsche Historiker Thomas Etzemüller an. Für ihn „zeitigen biographische Texte immer politische Effekte […] sie reduzieren die Autonomie des Subjekts“.[16] Zur Aufhebung der Autonomie und im weiteren Sinne der 'Isolation' des Individuums und seine Einbettung in eine Einheit [Gruppe] und anschließend in den gesellschaftlichen Kontext sieht Chain sogar den größten Vorteil der Gruppenbiograhie:

»The great advantage of group biography is that it avoids the artificial isolation which inevitably accompanies an intense focus on a single individual in which all others and become secondary to the main figure under discussion«.[17]

Zusätzlich sei erwähnt, dass die Biographieforschung seit jeher die Unterstellung gekontert hat, es handelte sich hier „um eine rein individuelle Sicht und Erfahrung und dass die Analyse von einzelnen Lebensgeschichten nicht zu generalisierbaren Aussagen führen kann. Dagegen setzt sie die Einsicht, dass Biographien aufs Engste mit gesellschaftlichen Strukturen, Diskursen und Prozessen verbunden sind, auf die in Narrationen Bezug genommen wird und die in der Analyse rekonstruiert werden können (Alheit und Dausien 2009, S. 307).“[18]  

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[14] Caine, Barbara (2019). Biography and History. London: Red Globe Press, S. 57-58.  

[15] Ebd., S. 58.

[16] Etzemüller, Thomas (2012). Biographien. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 172.

[17] Caine. Biography, Ebd.  

[18] H. Lutz/M. Schiebek/E.Tuider (2018). Handbuch Biographieforschung 2. Auflage, Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 3. 

V. Die Vorgehensweise und Methoden

 

Das US-Intersektionalitätsparadigma als Analyseinstrument

„Die Analyse multipler Konstellationen von Machtverhältnissen bleibt eine zentrale Dimension der Analyse jeder biographischen Erzählung“[1] schreibt Helma Lutz in ihrem Aufsatz im Handbuch Biographieforschung. Machtverhältnisse und Doing Intersectionality - was in der vorliegenden Forschung tatsächlich von zentraler Bedeutung ist - ist, neben Interaktionsebene und Intersektionsebene der dritte Aspekt, der bei einer integriert in der biographischen Untersuchung intersektionellen Analyse zu berücksichtigen ist. 

An dieser Stelle würde ich, nach Lutz, die historischen Entwicklungen der Intersektionalität kurz schildern; anschließend erkläre ich wie Intersektionalität und Biographieforschung zueinander stehen und warum Intersektionalität - unter Berücksichtigung der Machtverhältnisse - [desgleichen] als Methode für meine Forschung geeignet ist.

Chicago, 1989: Die afroamerikanische Jura-Professorin Kimberlé Crenshaw veröffentlicht ihren bahnbrechenden Aufsatz „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics“. Man könnte sagen, dass dieses Datum die Geburtsstunde ist, an der der Begriff Intersectionality zum ersten Mal wissenschaftlich geprägt wurde. Zuvor veröffentlichte 1981 die Bürgerrechtlerin Angela Davis ihre Arbeit „Women, Race and Class“. Ein Jahr später erscheint die Studie der Afroamerikanerin Gloria T. Hull “All the Women Are White; All the Blacks Are Men, But Some of Us are Brave“. Und tatsächlich waren es die Vertreterinnen der Schwarzen Frauenbewegung in den USA, die zum ersten Mal die Tendenz Rasse und Geschlecht als sich gegenseitig ausschließende Kategorien von Erfahrungen zu behandeln, scharf kritisierten. Diese war die erste Entwicklung, die als Bezugspunkt der Intersektionalitätsanalyse gilt.

Bevor ich mich auf die zweite, in Frankreich stattgefundene Entwicklung, beziehe, fühle ich mich an diesem Punkt verpflichtet, die Problematik des Terminus Rasse für diese in der deutschen Sprache verfasste Dissertation anzusprechen. Anders wie in der englischen Literatur ist der Begriff Race in den im deutschsprachigen Raum stattgefundenen Analysen immer noch umstritten und sicherlich negativ konnotiert. Gudrun Knapp fast in ihrem Aufsatz „Resonanzräume-Räsonierräume zusammen: Zur transatlantischen Reise von Race, Class and Gender“ die Problematik wie folgt zusammen:  

»Während Race in den USA ein staatsbürgerlicher, rechtlich verankerter Klassifizierungsbegriff ist, gilt 'Rasse' in der deutschen Nachkriegsdebatte als eine „negative Kategorie“ (Knapp 2009, S.224). Die Rassenlehre des Kolonialismus und Nationalsozialismus, die die Existenz vom sogenannten 'Rassen' in Form von Stereotypen und Repräsentationen behauptete, in einer sozialen Hierarchie neutralisierte und damit sozioökonomische Fakten sowie Subjektpositionen schuf, wurde im Postnationalsozialismus als historisch überwinden erklärt und gilt […] als obsolet«.[2]

Helma Lutz steigt tiefer in die Thematik und sucht nach alternativen Begriffen, während sie sich Gedanken macht, wie Rassismus-Debatten mit der Abschaffung des Wortes 'Rasse' weiterzuführen sind. Theodor Adorno schlug schon 1955 "das vornehme Wort Kultur" vor, während unter zeitgenössischen Forscher_ innen eher von 'kulturellen' und 'ethnischen' Differenzen die Rede ist. Nichtsdestoweniger ist für die Soziologin auch der Begriff 'Differenz' problematisch,

»da er dazu dienen kann, Herrschaftsverhältnisse zu neutralisieren und damit den Impuls der radikalen Infragestellung von gesellschaftlich-strukturell verankerten Privilegien - der weißen, bürgerlichen, heterosexuellen Männer wie auch die die der weißen, bürgerlichen, heterosexuellen Frauen - aus dem Blick zu verlieren (zur berühmten Debatte über Differenz siehe Benhabib et al. 1993)«.[3]

Auch wenn das Konzept 'race' in den USA einen anderen legalen Status als in Deutschland hat, ändert dies im Grunde nichts an den inhaltlichen Überschneidungen und der Frage nach einem konstruktivistischen oder essentialistischen 'Rasseverständnis'. Ganz im Gegenteil müsste man kritisch anmerken, dass der amerikanische Rechtsbegriff 'race' partiell von einem obsoleten essentialistischen Rasseverständnis ausgeht. Dies ändert indes nichts an der Notwendigkeit, Rasse oder 'race' kritisch zu gebrauchen. Jeder Ersatzbegriff verschleiert letztlich nur den szientistischen Biologismus, der dem Gebrauch von Rasse oder 'race' in der Quellensprache zugrunde liegt. Alternative Begriffe mögen zwar netter klingen, doch durch ihren Gebrauch entschärft sich das historisch Gemeinte.

                Zu einem konkreten Vorschlag, welcher Begriff stattdessen als Platzhalter in Frage käme, kommt Lutz nicht; ihre Überlegungen sind dennoch ausschlaggebend für die Gestaltung des Inhalts der Doktorarbeit. Genauer wird eine gewisse Vorsicht verlangt, was die 'Übertragung' von behandelten Benachteiligungsdiskursen der Juden des 20. Jahrhunderts - was ein Hauptkapitel in meiner Arbeit ist - in gegenwärtige Debatten betrifft. Der US-Fall 'Ethel Rosenberg' weist, wie oben erklärt, eine zusätzliche Komplikation auf. Um das Thema 'Rasse' in Bezug auf die Zugehörigkeit 'Judentum' abzuschließen, sei zusätzlich erwähnt, dass mein Forschungsinteresse seinen Höhepunkt in einem Zeitpunkt erreicht, an dem die Staatsgründung Israels bereits eine Realität ist. Folglich, muss hier achtsam geforscht, ob es sich beispielsweise im Fall 'Ana Pauker' nun um eine kulturelle, religiöse, oder nationale Zugehörigkeit handelt. Welchen Stellenwert hat hier die Selbstwahrnehmung und wie tief in den Köpfen der rumänischen Gesellschaft jener Zeit ist die Assoziation zwischen Judaismus und 'Rasse' verankert?

Parallel zur obigen Entwicklung und unabhängig voneinander, gewinnen Genderdiskurse im Zusammenhang mit anderen Formen von Unterdrückung und Diskriminierung wie etwa Klasse und 'Rasse' immer mehr unter dem Einfluss des französischen Poststrukturalismus - die zweite Entwicklung zur Kristallisierung der Intersektionalitätsanalyse - an Boden. Der Poststrukturalismus hat - trotz der fragwürdigen Forderung, dass die verschiedenen Kategorien essentialistisch gefasst werden könnten - die Grundlage für die Dekonstruktion von Eigenschaftszuschreibungen, die Aufhebung von naturalisierender Zuschreibung, die soziale Konstruktion der Kategorien und den Zusammenhang mit Herrschaft- und Machtverhältnissen geschafft.

Intersektionalität als Methode in der Biographieforschung 

Dass in der sozialen Ungleichheitsforschung Intersectionality bereits ihren Platz gefunden hat, steht außer Zweifel. Warum scheint aber dieses Konzept für Biograph_ innen geeignet zu sein?

»Die besondere Attraktivität des Konzepts für die Biographieforschung besteht darin, dass mithilfe von Intersektionalität als heuristisches Instrument die „multiple Positioniertheit“ (Phoenix 2010) von Individuen - sowohl ihre Ausgrenzungen als auch ihre Privilegien - sichtbar gemacht werden können. […] Intersektionalität kann also dazu dienen, Subjekt- und Identitätstheorien mit der Analyse sozialer Positionierungen von Menschen zu verbinden. […] demnach handelt es sich bei der Intersektionalität um ein theoretisches Gerüst bzw. heuristisches Werkzeug, das die Reduktion auf eine Masterkategorie zu vermeiden sucht und um eine Methodologie, deren Anwendung bei der Analyse von biographischen Erzählungen zu 'überprüfen' bleibt».[4]  

                Trotz des Hinweises von Lutz auf diesen Überprüfungsbedarf verliert die Methode nicht an Bedeutung, da es meine Absicht ist, genau dieses komplexe Zusammenspiel sowohl von Benachteiligungen als auch Privilegierung aber auch Widerständigkeit zu untersuchen. Dabei liegt der Fokus desgleichen auf dem Individuum und auf den gesellschaftlichen Strukturen, worauf Intersektionalität eigentlich zielt. Nach einer Lektüre der aktuellen deutsch- und englischsprachigen Literatur stellt Intersectionality eine optimale Methode dar, um das Zusammenwirken unterschiedlicher Formen von Ungleichheit, Herrschaft und Diskriminierungsformen zu analysieren. Die Überscheidung dieser Dimensionen prägt das Leben und Wirken aller vier Frauen der angestrebten Gruppenbiographie. Auch deren, die sich nicht augenscheinlich in einer viktimisierenden Rolle wie die Kommunistinnen Pappa und Rosenberg - die aufgrund ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden - befinden. Ana Pauker, als einzige mächtige Frau in Rumänien, ist genauso einer Diskriminierung ausgesetzt als die "Zionismus-Vorwürfe" auftauchen. Auch bei der Power Frau Hilde Benjamin überschneidet sich Degradierungen wegen ihrer weiblichen Identität mit ihrer sexuellen Orientierung (siehe androgynes Aussehen und Vorwürfe für das Ausleben lesbischer Sexualität). Des Weiteren sind alle Frauen für die damaligen Verhältnisse sehr gebildet und hoch intellektuell, was in dieser Marginalisierungsanalyse zusätzlich zu berücksichtigen ist.

           Im Kapitel Herangehensweise könnte nicht außer Erwähnung bleiben, dass die allgemeine Betrachtungsweise dem in meiner Fachrichtung vertrauten, kulturhistorischen Untersuchungsansatz entspricht. „Im Gegensatz zur (herkömmlichen) Geschichtswissenschaft setzt sie [die Kulturgeschichte] nicht beim Staat oder bei der Gesellschaft an, sondern bei der Kultur, d. h. beim Gesamtzusammenhang unserer Lebensformen und Denkweisen“[5]. In diesem Rahmen kann ich es als Kulturhistorikerin nicht vermeiden, desgleichen in die Mentalität des jeweiligen einzutauchen, um die Geschehnisse und deren Perzeption geschichtsschreibend zu verstehen.  

                Abschließend sei erwähnt, dass die im Folgenden vorgestellte Oral History Methode Bezug nehmenden auf den feministische Ansatz, bzw. die von Gluck und Patai[6] vorgeschlagen und von Harding vertieft Vorgehensweise durchgeführt.  

Eigene Texte: Eine vertrauenswürdige Quelle?

Die Nachkommen der porträtierten Frauen werden gemeinsam mit anderen Zeitzeug_ innen im Rahmen eines methodisch nach Rosenthal[7] vorgehenden qualitativen biographisch-narrativen Interviews im Sinne des Oral History befragt. Die Vervielfältigung jedoch der Forschungslandschaft lässt genug Platz für die Einbettung weiterer biographischen Daten wie Bücher, Briefe, Tagebücher, Fotos frei. „Ihr Einbezug steht für eine historisch-soziologische Biographieforschung, die den historischen und strukturellen Bedingungen biographischer Prozesse ebenso Rechnung trägt wie den Sinnzuschreibungen bzw. Selbstdeutungen der Biograph*innen (vgl. Rosenthal 1995; Radenbach/Rosenthal 2012)“[8].      

  Eine andere Untersuchungsperspektive, die Erkenntnisse mit sich bringen mögen, was diese aus eigener Feder stammenden Texte dieser Frauen (Bücher, Briefe, Tagebücher) betrifft, ist der von Barbara Caine – in Anlehnung an Toril Moi − Denkansatz life and text. Demzufolge konnte Moi zwischen Leben und Text nicht unterscheiden. Somit bestätigt die Biographin von Simone de Beauvoir die Theorie von Freud, dass man zwischen Psyche und Text nicht differenzieren kann. Die Texte sind die Psyche, also das Leben der Protagonistinnen per se und stellen hiermit eine äußerst vertrauenswürdige Quelle. Aus der langen Liste der feministischen Autorinnen, sei hier das nachahmenswerte Buch der Amerikanerin Betty Friedan Feminine Mystique als ein Meilenstein für die Genderforschung zu erwähnen. Da der Fokus meiner These jedoch auf der Biographie und den Machtfaktor liegt, wird das Thema mit der Einbeziehung der Positionen von Ann Phoenix, Wendy S-Rogers und Wendy Hollway aus der britischen Schule (siehe „Power Relations: An Introduction to Social Psychology“, The Open University) und Bettina Dausien[9] ausgebaut. 

 

Machttheorien

Das hier vorgestellte soziohistorisch-biographische Promotionsprojekt, in dessen Mittelpunkt das Leben und politische Wirken einer bestimmten Frauengruppe steht, will historisch gesehen, Einblicke in die Entstehung des Kalten Krieges gewähren sowie den transatlantischen und transnationalen − beschränkt im südosteuropäischen Raum − Aspekt der McCarthy-Ära und der Stalinismus-Endphase beleuchten. Soziologisch betrachtet, erhebt es den Anspruch, sich auf dem facettenreichen Gebiet der Machttheorien zu beweisen, indem das Projekt – in einer genderspezifischen Betrachtungsweise – die Komplexität der Machtmechanismen und der Herrschaftsstrukturen während der Ausübung politischer Macht in turbulenten Zeiten in den Vordergrund rückt.

Letzteres ist jedoch ein nicht primäres Ziel, das in der Abschlussphase des Projektes erreicht werden sollte. Um dies zu erreichen, habe ich mich noch in der aktuellen Vorbereitungsphase, grundlegend mit zahlreichen Machttheorien auseinandergesetzt. Dafür erwies sich die Arbeit zweier Wissenschaftler, des Philosophen Byung-Chul Han und des Politikwissenschaftlers Andreas Anter, die die theoretischen Überlegungen von der Antike bis heute resümiert, als besonders hilfreich. In diesem Kapitel werden die wichtigsten vorgestellt. Von den Theoretiker_ innen aus dem Pantheon der Machttheoriebildung habe ich folgende herausgesucht:

Während Hegel Macht als das „Vermögen [versteht], im Anderen bei sich selbst zu sein […] und das Lebendige vom Toten unterscheidet“[10], bedeutet sie für Weber „Jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“[11]. Dem fügt Han hinzu, dass die Macht der Macht darin besteht, „daß sie auch ohne den ausdrücklichen „Befehl“ Entscheidungen und Handlungen bewegen kann“, um hier nur einen Unterschied zwischen Macht und Herrschaft zu deuten. Der Philosoph unterscheidet an dieser Stelle nicht nur darin, sondern differenziert auch zwischen Macht und Gewalt bzw. Zwang und hebt hier das Element der Freiheit hervor. Für ihn ist Macht ohne das Freiheitsprinzip unvorstellbar; sogar das Gehorchen beinhaltet eine gewisse Freiheit, nämlich die freie Wahl zu gehorchen. Auch der Machthaber „muss frei sein, um ein bestimmtes Verhalten wählen und durchsetzen zu können. Er muß zumindest in der Illusion handeln, daß seine Entscheidung tatsächlich seine Wahl ist, nämlich in der Illusion, daß er frei ist“.[12]

Bemerkenswert finde ich auch die komparatistische Darstellung der von Habermas und Arendt vertretenen Thesen, ob Macht – in Berücksichtigung ihrer Differenzierung zur Gewalt – nur in Kommunikations- und Verständigungsprozessen festzuhalten ist. Han stellt sich hier klar an Arendts Seite und weist auf den Klassiker „Macht und Gewalt“ hin:

»Selbst das despotische Regime, das wir kennen, die Herrschaft über die Sklaven, die ihre Herren an Zahlen immer übertrafen, beruhte nicht auf der Überlegenheit der Gewaltmittel als solchen, sondern auf der überlegenen Organisation der Sklavenhändler, die miteinander solidarisch waren, also auf Macht«.[13]

                Letzteres muss in nähere Betrachtung gezogen werden, da in der vorhandenen Forschungsfällen Gewaltmittel, die einer stattlichen Legitimität unterliegen, eingesetzt werden. Darüber hinaus muss man bedenken, ob man diese arendtische These, die der Wahrheit entsprechen mag, wörtlich übernehmen darf. In unserem Fall war die andere Seite, die Kommunist_ innen sowohl, auch wenn nicht überlegend, gut organisiert und solidarisch miteinander. Waren in diesem Sinne doch nicht die eingesetzten Mittel ausschlaggebend?    

                Das Kapitel Machttheorien behandelt gewiss auch „die Idee der Macht als anthropologischer Konstante, [die sich] wie ein roter Faden durch die Ideengeschichte zieht.“[14]. Für Andreas Anter gilt hier als Geburtsstunde Thukydides' Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Demzufolge werden Machtgedanken, postuliert vom "Vater der politischen Geschichtsschreibung" bis Machiavelli, Hobbes, Burckhardt, Nietzsche, Acton, Montesquieu, Weber, Popitz, Arendt, Foucault und Luhmann vorgestellt, um zu verstehen, was Macht ist und wie sie funktioniert.

 

 

Die feministische Perspektive 

Anders wie oben erwähnt, dass Macht anthropologisch bedingt ist, wird bei der Konkretisierung der Untersuchung [Wie Frauen mit Macht umgehen] nicht davon ausgegangen, dass der Missbrauch von Macht in der männlichen Natur liegt, sondern dass es jenseits androzentrischer Traditionen zu einer asymmetrischen Machtkonzentration zulasten von Frauen gekommen ist. Diese Strukturen gilt es zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Um jedoch eine einseitige Viktimisierung zu vermeiden, will ich einerseits zeigen, wie mutig – auch wenn scheinbar ohnmächtig politisch überzeugte Frauen – waren. Pappa und Rosenberg sind, wie erwähnt, zwei herausragende Beispiele aus der Zeitgeschichte. Sie sind aber neben der tschechischen Widerstandskämpferin Milada Horáková und der nordmakedonischen Partisanin Мирка Гинова, die nach dem zweiten Weltkrieg außergewöhnlich tapfer ihr Todesurteil akzeptieren, und der türkischen Akademikerin und Aktivistin Behice Boran, die auch jahrelang eingesperrt war und im Gefängnis ihren Sohn zur Welt brachte, keine Einzelfälle. Alle diese Frauen, die Ende der 1940er-Anfang der 1950er agierten, zeigten mit ihrer Haltung, dass Ethos und Pathos unabdingbare Elemente der Politik sind. In der deutsch-englischen Literatur gibt es sicherlich zahlreiche Beispiele starker postkriegerischer Frauen, die portraitiert werden. Es fehlen jedoch weibliche Persönlichkeiten aus den oben erwähnten Regionen. Dies wäre ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur aktuellen Forschung.  

Andererseits möchte ich herausfinden, was diese Frauen genau bewegt hat, in die männlich dominierte Politik – die wesentlich aus dem Streben nach Macht besteht – einzusteigen. In diesem Rahmen möchte ich die Theorie des „doppelten Legitimationszwangs“ [der Beweis, dass man, obwohl Frau, als Politikerin geeignet ist, und obwohl Politikerin immer noch eine "richtige Frau" ist] nach Schöler-Macher [15] vertiefen und weiterentwickeln und somit den diesbezüglichen Forschungsstand erweitern.

 

Historische Grundlage und weitere Quellen   

Abgesehen von den persönlichen Gesprächen, die mit den noch lebenden Personen aus dem Umfeld der historischen Persönlichkeiten[16], gehört noch Folgendes zu den primären Quellen: Archive der jeweiligen Staaten (insbesondere National Security Archives), Archive in Gefängnissen und Museen, Zeitungen, Zeitschriften, Gerichtsdokumente und CIA-Dokumente. Die Idee ist, möglichst viel über diese Frauen zu erfahren, bevor man sie verstrickt in den Machtverhältnissen betrachtet.

Der Zugang zu den Archiven der Securitate (Departamentul Securității Statului), der Geheimpolizei der Sozialistischen Republik Rumänien ist gewährleistet. Die Athener-Archive und alles rund um den Elli Pappa Schauprozess hat sich der Experte in diesem Forschungsfeld, Professor Spyros Sakellaropoulos, bereiterklärt, mir zur Verfügung zu stellen. Bezüglich der DDR-Archive gibt es einen uneingeschränkten Zugang zu den Stasi-Akten. Andererseits ist der Zugang zu Westdokumenten [Bundesamt für Verfassungsschutz] nicht gewährleistet.

Hier sei darauf hingewiesen, dass im Kapitel 'Hilde Benjamin', die Mechanismen und Prozesse in Deutschland während der Nachkriegszeit mit der von Jörg Roesler vorgeschlagenen, alternativen Darstellungsmethode [Die Geschichte beider deutschen Staaten als Bestandteil einer deutschen Nachkriegsgeschichte] und nach Peter Bender und dem Prinzip der Gleichheit aller Deutschen vor der Geschichte analysiert werden.[17]

Zu den deutschen Historiker_ innen, die ebenfalls meine Arbeit bereichern werden, erlaube ich mir exemplarisch folgende zu erwähnen: Axel Friedrich Schildt, Zwischen Abendland und Amerika: Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre; Thomas Etzemüller, Biographien: Lesen−erforschen−erzählen (Historische Einführungen) und 1968, ein Riss in der Geschichte? (Im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der modernen, westlichen Konsumgesellschaften der Nachkriegszeit); Jörg Baberowski und seine diesbezüglichen Werke zum Stalinismus. Die Professoren Ulrich Herbert und dessen deutsche Historiographie sowie Christof Mauchs Arbeit über die Office of Strategic Services [Amt für strategische Dienste] als Vorgänger von CIA, sind außerordentlich wichtig für den Fall Elli Pappa und Hilde Benjamin. Auch die bedeutende Analyse des Historikers Jürgen Martschukat über die 1950er Jahre, so wie sie in seinem Werk 'Die Ordnung des Sozialen' zu lesen ist, darf von dieser Doktorarbeit nicht fehlen. Die Übergangsphase vom Zweiten Weltkrieges zur Geburt des Kalten Krieges, so wie sie vom Historiker Konrad Jarausch in 'Aus der Asche' und Keith Lowe in 'Der wilde Kontinent: Europa in den Jahren der Anarchie 1943–1950' [aus dem Englischen] beschrieben werden, sowie die Schilderung der Weltpolitik im Zeichen des Kalten Krieges im Band 'Die globalisierte Welt seit 1945' von Akira Iriye und Jürgen Osterhammel setzen ebenfalls methodische Impulse. 

Aus der umfangreichen amerikanischen Literatur, werden hier nur ausgewählte Arbeiten, die einen hohen Relevanzgrad aufweisen, aufgelistet: Roger, H., Hoyle, C., Excluding the Vulnerable from Capital Punishment; Schneir W., M., Invitation to Inquest [Atom Spy]; Powers, Richard Gid, Not Without Honor: The History of American Anticommunism; Patterson, James T., Grand Expectations: The United States, 1945-1974; Trani, Eugene P, Davis, Donald E., Woodrow Wilson And The Origins Of The Cold War: A Hundred Years Later And Still Relevant; Conquest, Robert, Reflections on a Ravaged Century; Chafe, William H., The Unfinished Journey: America Since World War II und Diggins, John Patrick, The Proud Decades: America in War and Peace, 1941-1960. Um die andere Seite gelichermaßen zu beleuchten, bietet sich u.a. das Buch Crime and Punishment in Russia: A Comparative History from Peter the Great to Vladimir Putin von Jonathan Daly als eine ausgezeichnete Ergänzung an.

 

[1] Lutz, Helma. Intersektionelle Biographieforschung, in: Handbuch Biographieforschung 2. Auflage, Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 145. 

[2] Ebd., 141.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 143.

[5] „Was ist Kulturgeschichte?“. Definiert vom Seminar für Volkskunde/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in: www.vkkg.uni-jena.de/seminar/was+ist+kulturgeschichte. Ebenfalls: Burke, Peter (2005) Was ist Kulturgeschichte? Frankfurt am Main: Suhrkamp, Daniel, Ute (2001). Kompendium Kulturgeschichte: Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt am Main: Suhrkamp und Maurer, Michael (2008). Kulturgeschichte, Köln: Böhlau/UTB.

[6] vgl. Gluck, S.B.; Patai, D. (1991). Women's words: the feminist practice of oral history. New York, London: Routledge and Harding, Sandra (1987). Feminism and Methodology. Bloomington, Ind.: Indiana University Press, 1-14.

[7] vgl.  Rosenthal, Gabriele (2018). Interpretative Social Research: An introduction. Göttingen: Göttingen University Press, 133-147. vgl. auch: Jost, G., Haas, M. (2019). Handbuch zur soziologischen Biographieforschung. Opladen, Torondo: Barbara Budrich, S. 133-135.

[8] Pohn-Lauggas, Maria (2019). Die Integration von Daten in der biographischen Fallrekonstruktion. Theoretische Überlegungen und Fallbeispiele, in: Jost, Gerhard; Haas, Marita (Hg.). Handbuch zur soziologischen Biographieforschung, Opladen/Toronto: Barbara Budrich 

[9] u.a.: Dausien, Bettina. „Bildungsbiographien von Frauen im intergenerationalen Verhältnis – ein methodologisches Plädoyer für einen biographischen Forschungsansatz“, in: Metis. Zeitschrift für historische Frauen-und Geschlechterforschung (2001), Bd. 19: Generationsbeziehungen, S.56-77.  

[10] Han, Byung-Chul (2005). Was ist Macht? Ditzingen: Reclams Universal-Bibliothek, S.70, vgl. ebenfalls Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1970). Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, in: G.W.F.H., Werke, Bd. 8, S.375 f.  

[11] Ebd., S. 17, vgl. ebenfalls Weber, Max (1976). Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Halbband, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 28.  

[12] Ebd., S.18-19.   

[13] Arendt, Hannah (2017). Macht und Gewalt. München: Piper, S. 51.

[14] Anter, Andreas (2012). Theorien der Macht zur Einführung, Hamburg: Junius, S. 33.  

[15] vgl. Schöler-Macher, Bärbel (1994). Erfahrungen von Frauen in Parteien und Parlamenten, Weinheim: Beltz, S. 42.

[16] Zusagen erhielt ich bereits von: Dr. Friedrich Wolff, Dr. Wolfgang Polak und Dr. Volkmar Schöneburg (ehem. DDR)

[17] gl. Burrichter, C; Nakath, D., Gerd-Rüdiger, S. (2006). Deutsche Zeitgeschichte von 1945 bis 2000: Gesellschaft, Staat, Politik – ein Handbuch, S. 19-27.